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WiWo 43/1997

  • Wirtschaftswoche NR. 043 VOM 16.10.1997 SEITE 117

    Wahre Fundgrube

    Ein Dienstleister aus Hessen liefert auf Knopfdruck neuestes Know-how.

    Nicht zu wenige, sondern fast schon zu viele Stellen bemühen sich in Deutschland um die Vermittlung wissenschaftlich-technischen Wissens in die Wirtschaft. Das jedenfalls findet etwa die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe, in deren Kammerbezirk bereits mehr als 35 Transferstellen agieren. » Die Unternehmen wissen nicht mehr, wen sie am besten befragen«, klagt IHK-Experte Stefan Dietzfelbinger.

    Nicht nur mangelnde Transparenz, auch Bürokratie lähmt den Techniktransfer, weiß Michael Speckmann aus seiner Zeit am Forschungszentrum Jülich. Es vergingen meist Tage, manchmal sogar Wochen, bis die Großforscher aus der Nähe von Aachen Anfragen von Betrieben beantworten konnten. Der Physiker: »Die Unternehmen brauchen Lösungen aber schnell, am liebsten schon vorgestern.«

    Mit einer in Deutschland bislang einzigartigen Dienstleistung will Speckmann es besser machen. Gleichgültig ob ein Unternehmen neues Know-how oder einen ganz speziellen Experten sucht, kurzfristig eine Übersicht über aktuelle Entwicklungen in einem bestimmten technischen Gebiet benötigt oder für kurze Zeit Spezialapparaturen samt Bedienungspersonal mieten will Speckmanns Physolution GmbH in Groß-Gerau bei Darmstadt liefert die gewünschten Informationen und stellt Angebote zusammen, oft noch am Tag der Anfrage. » Es gibt in Deutschland sehr viele technologische Kenntnisse, die Unternehmen für Entwicklungsprojekte optimal nutzen könnten«, ist der Jungunternehmer überzeugt. » Was fehlt, sind die Kontakte.«

    Speckmann stellt sie her. Fundgrube der Hessen ist eine Datenbank. In ihr ist nicht nur akribisch gespeichert, woran Ingenieurbüros, freiberufliche Techniker und Naturwissenschaftler sowie Forschungsinstitute aktuell arbeiten und welche Leistungen sie anbieten insgesamt weit mehr als eine halbe Million Adressen aus der ganzen Republik. Sie gibt auch Auskunft, wo sich dringend benötigte High-Tech-Geräte und -Anlagen auftreiben lassen. Rund 200 000 Suchbegriffe erleichtern das Auffinden. Findet sich in der Datenbank auf Anhieb keine passende Lösung, suchen die Technologiedetektive über ein Netzwerk in Universitäten, Betrieben und Instituten nach dem richtigen Ansprechpartner.

    Das Angebot kommt an. Obwohl erst seit vergangenem Juni auf dem Markt, erhalten die Hessen schon 30 bis 40 Anfragen pro Monat, selbst von Großkonzernen wie Siemens und dem Rasierapparathersteller Braun. In fast allen Fällen konnten die Groß-Gerauer helfen: Einem Hersteller von Sicherungssystemen beispielsweise vermittelten sie zwei Unternehmen, die intelligente Software zur Geräuschidentifizierung anbieten. Die Programme sollten in der Lage sein, selbst bei starkem Straßenlärm das Splittern von Glas zu erkennen und Überwachungskameras Richtung Tatort zu schwenken. Einem anderen Anfrager erstellten sie in eineinhalb Tagen eine Übersicht zum Stand der angewandten Forschung im Bereich Solarzellen in Deutschland.

    Auf Wunsch wickeln die Technologiemakler auch ganze Projekte ab, etwa die Ermittlung der Materialeigenschaften neuer Bauteile. Für die Richard Hirschmann GmbH + Co. aus Neckartenzlingen bei Tübingen, die nach einem preiswerteren Anbieter für Schüttel- und Schocktests elektronischer Baugruppen suchte, betätigten sich die Groß-Gerauer mit Erfolg als Preisagentur. Der Antennenbauer erhält die mechanischen Prüfungen jetzt 30 Prozent billiger.

    Je Stunde kassieren Speckmann und seine Truppe 220 Mark für ihre Dienstleistung, ein ganzer Tag kostet rund 2000 Mark, jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer. Wem das zu teuer ist, der kann mit einer 260 Mark teuren CD selbst losrecherchieren, auf der die Hessen fast das gesamte Wissen ihrer Datenbank gespeichert haben. » Die Bedienung«, beteuert Speckmann, »ist kinderleicht.«

    Autor: Dieter Dürand