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Handesblatt 70/1997

  • Handelsblatt NR. 070 VOM 11.04.1997, SEITE 22

    PHYSOLUTION / Schnittstelle zwischen Spezialisten der Wissenschaft und mittelständischen Unternehmen. Technologie-Transfer mit PC und Beziehungen.

    Bei der Suche nach Lösungen technischer Probleme bietet die Physolution GmbH praktische Lebenshilfe. Die Unternehmensgründung zweier junger Physiker vermittelt nicht nur hochspezialisierte Meß- und Testgeräte sondern auch Spezialisten mehr oder minder exotischer Fachdisziplinen vor allem an Mittelständler.

    wb FRANKFURT. Technologietransfer ist nach Meinung von Michael Speckmann und Roland Goschke, den Geschäftsführern der Physolution Technische Unternehmensberatung und Projektmanagement GmbH, Groß-Gerau, keine staatliche Aufgabe. Wer Know-how über die Technologietransfer-Stellen der Hochschulen zu erlangen versuche, brauche viel Zeit und dann auch noch Glück, um den richtigen Ansprechpartner zu finden: "Bis ich ein Problem über diese Zentralen gelöst bekomme, bin ich längst pleite", stuft Jungunternehmer Speckmann die Leistungsfähigkeit der wohlmeinenden Vermittler ein. Außerdem will er den Bogen über den Zirkel der Hochschulen und Forschungseinrichtungen hinaus spannen. Eine eigene Marktanalyse ergab einen Bestand von rund 30 000 Ingenieurbüros und Freiberuflern, 50 000 Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Fakultäten, 150 000 technische und wissenschaftliche Fachkräfte ohne feste Stelle und 400 000 Studenten nach dem Vordiplom. "Damit ist in Deutschland ein enormes Potential an Expertenwissen vorhanden, das völlig unzulänglich genutzt wird", stellt Speckmann fest.

    Insbesondere mittelständische Unternehmen, die einen zunehmenden Bedarf an externem Know-how entwickelten, hätten Probleme, sich in diesem Umfeld zu orientieren und das geeignete Angebot aufzuspüren. "Wer den Experten für die akustische Mustererkennung sucht, um den Schutz öffentlicher Einrichtungen mit einer Kamerasteuerung zu verbessern, die splitterndes Glas vor dem Hintergrund von Straßenlärm erkennt, der geht im Wissenschaftsdschungel ebenso leicht unter wie ein Unternehmer, der nur eine Woche lang eine ganz spezielle Klimakammer für seine Versuche benötigt", skizziert Speckmann einzelne Aufgaben, die das Drei-Mann-Team schon gelöst hat.

    "Dieses Problem der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichen Spezialisten und Unternehmen fiel uns schon in der Hochschulzeit auf. Als wir sahen, daß es auch im Markt noch keine Lösung gab, sind wir in diese Lücke hineingegangen", beschreibt Goschke die Ursprünge des Anfang 1996 gegründeten Unternehmens. Ihre Hochschullandschaft kannten die beiden Diplom-Physiker aus Kooperationsprojekten und Kongressen, und das nebenbei erworbene Datenbank-Know-how half, ein professionelles Vermittlungssystem aufzubauen.

    Dabei wollten die Jungakademiker technische Fragestellungen sowohl mit Personen als auch mit nutzbaren Spezialgeräten (Bestand: 100 000) und ihren Standorten verknüpfen. Im Auge hatten sie dabei vor allem die mittelständische Kundschaft, die Spezialisten mehr oder minder exotischer Fachdisziplinen ebenso wie hochspezialisierte Meß- oder Testgeräte oft nur für die Dauer einzelner Projekte benötigt. Nach einem Jahr intensiver Arbeit umfaßt die Physolution-Datenbank immerhin 160 000 Suchbegriffe.

    Ihre Abfrage ist oft allerdings nur der Einstieg in eine Recherche, die sich an einem in intensiven Gesprächen ermittelten Anforderungsprofil des Kunden orientiert. Danach nehmen die "Technologie-Detektive" direkte Kontakte zu Wissenschafts-Kollegen auf, suchen in fremden Online-Datenbanken oder lancieren auch eine anonymisierte Ausschreibung im Internet. Auf diesem Weg sind inzwischen schon Amerikaner, Franzosen und Spanier zum ständig wachsenden Groß-Gerauer Expertenpool gestoßen. Kleine Enttäuschung: "Deutschen Hochschul-Absolventen fehlt oft der Mut zur Selbständigkeit, selbst, wenn sie arbeitslos sind. In der Datenbank haben wir inzwischen mehr kleine Firmen als Absolventen." Aspiranten auf Pool-Mitgliedschaft erhalten übrigens eine Diskette zur detaillierten Selbstauskunft, die direkt in die Datenbank übernommen werden kann.

    Mit seinem Dienstleistungspaket, das inzwischen von der technischen Verfügbarkeitsstudie und der Patentrecherche über die Vermittlung von Know-how-Trägern und Apparaturen bis hin zum kompletten Projektmanagement und zur Suche von Partner-Unternehmen reicht, kommt das Trio noch nicht auf Millionenumsätze. Doch Goschke weiß die Zeit auf seiner Seite: "Im Januar 1997 kamen die Aufträge als Erfolg unserer ersten Mailing-Aktion vom August 1996. Es dauert halt seine Zeit, bis Geld kommt."